In Gedanken versunken laufe ich durch die Straßen meiner Stadt. Rechts und links von mir zieren Neubauschluchten den Wegesrand und machen auf mich jedes Mal einen erdrückenden Eindruck. Es ist der Gleiche, den ich habe, wenn ich in die Augen der mir entgegen kommenden Menschen schaue. Irgendwie ist dort eine nichtssagende Leere zu beklagen, die einen auf eine gewisse Art und Weise in Unruhe versetzt. Manchmal glaube ich, dass es den Menschen in meiner Umgebung selbst nicht auffällt, dass in ihren Gesichtern die Leere geschrieben steht, die heute leider unser Stadtbild dominiert.

Ich erinnere mich als ich noch ein kleiner Junge war. Da sah die Welt noch ganz anders aus. An der Ecke war immer dieser kleine Tante-Emma-Laden, zu dem ich gerne mit meinen Großeltern gegangen bin. Es gab dann immer Süßigkeiten. Heute steht dort eine Dönerbude, an der sich bereits schon vormittags Gestalten versammeln, die ich damals nicht wirklich wahr hätte nehmen können. Ich kann mich daran nicht erinnern, damals bereits am frühen Morgen Trunkenbolde auf der Straße gesehen zu haben. Heute kann ich die Uhr danach stellen. Was diese Leute wohl dazu treibt jeden Tag aufs Neue mit einem Sechserpack Aldi-Bier aus der Plasteflasche ihre Körper zu betäuben. Sie sehen alle immer gleich aus. Genauso wie die Leute auf der Straße. Immer die gleichen Gesichter. Klar es gibt kleine Unterschiede. Heute wahrscheinlich noch mehr als früher. Jedenfalls sind mir damals nicht so viele verschiedene Kulturen entgegengekommen. Heute kann ich manchmal nicht einmal mein eigenes Wort verstehen. In der Bahn werden so viele Sprachen gesprochen, dass man nur noch schwer unterscheiden kann, ob russisch, persisch oder türkisch. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass die Leute eine ausländische Sprache sprechen bis ich dann feststellen muss, dass es doch deutsch ist. So weit ist es schon mit meinen Nerven gekommen. Ich rechne schon gar nicht unbedingt mehr damit, dass es sich um Deutsche handelt. Aber die Menschen verhalten sich irgendwie alle gleich. Zumindest die Deutschen. Wenn sie sich bedroht fühlen, verlassen sie die Bahn oder starren konsequent den Boden an. Der Rest trinkt. Genauso wie die Dönerbande an der Ecke. Immer das Gleiche. Jeden Tag. Sie leben in den Tag hinein als hätten sie keinen Lebensplan. Keinen Sinn im Leben.

Als ich in der 6. Klasse war, wollte ich um alles in der Welt bei uns im Industriegebiet Industriemechaniker lernen. Genauso wie mein Vater einer ist. Ich wollte mir hier eine Zukunft aufbauen. Erst die Ausbildung, dann vielleicht eine Übernahme, wenn ich gut bin. Vielleicht lernt man ja auch noch ein nettes Mädchen kennen. Wer weiß, was dann noch passiert.

Mittlerweile habe ich bald ausgelernt. Ich stehe kurz vor der Übernahme. Ich bin aber nicht mehr so sicher, ob ich wirklich noch hier bleiben will. Ich meine, ist das eine Zukunft? Überall diese beschmierten Wände, die Bettler auf den Straßen, der Dreck in den Parkanlagen. Wo früher Häuser standen oder wir als Kinder auf dem Spielplatz spielten sind heute kahle Stellen geblieben oder Tempel des Konsumentenwahnsinns.

Auf dem Weg zur Arbeit schaue ich aus dem S-Bahnfenster. Der Anblick spiegelt mein innerstes Empfinden wider. Die schnell vorbeifahrende Bahn ist wie mein Leben. Wie das Leben vieler hier. Es zieht vorbei, und vorbei und vorbei. Irgendwann ist dann mal Endstation und du steigst von dem kleinen Käfig in den nächst größeren. Dann bekommst du wieder das Gefühl, dass du beobachtet wirst. An fast jeder Straße hängen Kameras an den Ecken und Ampeln. Angeblich zu deinem Schutz. Früher haben wir auch keine in der Stadt gehabt. Ich fühlte mich aber trotzdem nie schutzlos. Angeblich sollen die vor Straftaten schützen. Das Paradoxe allerdings ist, dass sich die Straftaten in den letzten 15 Jahren nahezu verdreifacht haben.

Oft habe ich mich gefragt, warum die Politik nichts dagegen macht. Wählen gehe ich schon seit langem nicht mehr. Es ist doch egal, welche Partei man wählt. Klar so manche Gruppierung will vielleicht auch wirklich etwas ändern und meinetwegen gibt es auch Parteien, die sich von den anderen massiv abheben. Aber können die etwas in diesem System erreichen? In einer Zeit, in der wir alle Reizüberflutungen ausgesetzt sind. Und das jeden Tag. Jeder meint die Lösung gefunden zu haben und doch ändert sich nichts. Wenn mal einer kommt, der etwas über die Stränge schlägt, wird er sofort von den Medien zur Sau gemacht. Aber es kann ja nicht so weiter gehen. Irgendwann will ich auch mal eine Familie haben und eigentlich will ich hier auch nicht weg. Ich bin hier aufgewachsen. Meine ganze Familie lebt hier schon seit Generationen. Warum soll ich weichen? Warum nicht vielleicht doch die Dinge selbst in die Hand nehmen?

Bevor mein Arbeitstag beginnt gehe ich noch schnell in das Einkaufszentrum und genehmige mir einen Kaffee. Das mache ich immer so. Aber heute ist irgendwie etwas anders. Vorne am Eingang stehen junge Menschen und verteilen Flugzettel. „Sag was Du denkst“ fordern sie auf ihren Blättern. Am Empfang direkt in der Mitte des Einkaufszentrums wird „Die Gedanken sind frei“ gesungen. Ich kenne das Lied noch aus meinen Kindertagen. Meine Mutter hat es mir beigebracht. Diese jungen Menschen. Was machen sie hier? Und was wollen sie? Sie unterscheiden sich irgendwie von den anderen. Anstatt Leere, sehe ich Fröhlichkeit und Entschlossenheit zugleich. Einer von ihnen gibt mir eine Visitenkarte. „Schau mal vorbei“, sagt er. Ich nahm sie dankend an und wollte noch fragen, was sie hier machen, da waren sie auch schon wieder fort. So wie sie gekommen waren, verschwanden sie im Schutz der Menschenmassen. Die Polizei und der Sicherheitsdienst ließen auch nicht lange auf sich warten. Wenn die mal bei anderen Dingen so schnell und zuverlässig wären. Aber die Truppe der Jugendlichen war bereits nicht mehr da. Die Polizei beschlagnahmte die Flugblätter, die verteilt wurden. Ich ließ das mir gegebene und die Visitenkarte rasch in der Bauchtasche verschwinden.

Verdammt! Wie spät ist es? Ich muss auf Arbeit. Nun muss ich mich aber beeilen, sonst wird das doch nichts mehr mit meiner Übernahme.

Den ganzen Tag, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Diese Jungs und Mädels. Wer waren die?

Fortsetzung folgt…